Das neue Psychotherapiegesetz - Fortschritt oder Rückschritt?

Eine kritische Stellungnahme aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht

Zusammenfassung

Der Autor setzt sich aus einer Public-Health-Perspektive mit dem neuen Psychotherapiegesetz auseinander. Dabei kritisiert er vor allem die verengten Formulierungen sowohl in Bezug auf die Definition von Psychotherapie im Gesetz als auch die Einschränkungen bei den Zugangsberufen zum Psychotherapeutenberuf. Er bezweifelt, dass der Gesetzgeber dadurch eine “hohe Qualität” bezüglich der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung sicherstellen kann. Darüber hinaus trägt die Formulierung im Gesetzestext: “mittels wissenschaftlich anerkannter psychotherapeutischer Verfahren vorgenommener Tätigkeit” zur Polarisierung und Ausgrenzung bei den angewandten psychotherapeutischen Verfahren bei. Der Autor stellt die These auf, dass auf die Dauer Patienten, die auf eine kassenfinanzierte Psychotherapie angewiesen sind, eine inhaltlich verarmte, in ihrer Vielfalt und Lebendigkeit ausgetrocknete psychotherapeutische Vesorgung vorfinden werden. Die postmoderne Gesellschaft hat es mit einer Vielfalt von Lebenskonzepten zu tun. Gegenwartsbezogene Psychotherapie sollte den Menschen in seinen lebensweltlichen Bezügen sensibel wahrnehmen, seine tiefen Verunsicherungen und Orientierungskrisen angesichts des Zerfalls vertrauter Bewältigungsmuster und Lebensformen erkennen und adäquat reagieren. Sie muss vor allem diejenige Bevölkerungsgruppe erreichen, die einer psychotherapeutischen Versorgung und Betreuung am stärksten bedarf. Interdisziplinäres Denken und multiprofessionelles Handeln ist in der Psychotherapie wie im gesamten Gesundheitswesen notwendige denn je. Die Gesundheitswissenschaften werden dafür als Beispiel zitiert. Den Abschluss bilden Gedanken zur Rolle der Gestalttherapie im Rahmen einer an der Salutogenese orientierten psychotherapeutischen Versorgung.

Gestalttherapie 2000, 14/1 - 14. Jahrgang - Heft 1 / 2000
Seite 46 - 64