Transformationen der Leidenschaft

Zur Entwicklung postmoderner Liebesbeziehungen

Zusammenfassung

Der Gestalt-Ansatz denkt und handelt in Prozessen und Beziehungen, hält aber bis heute Distanz zu entwicklungspsychologischen Konzepten, insbesondere zu linear und kausal verengenden Aussagegerüsten. Vor der Inanspruchnahme einer dezidierten Entwicklungsperspektive stellt sich deshalb die Frage, ob überhaupt Verlaufsmodelle zum pragmatischen Horizont des Gestalt-Ansatzes passen und in welchem Kontext sowie in welchem Umfang ihre Verwendung sinnvoll wäre. Anders herum gefragt, wann würde das Übersehen linearer Verläufe den therapeutischen Horizont schmälern? Reinhard Fuhr hat ein allgemeines Modell lebensumspannender Persönlichkeitsentwicklung für die Gestalttherapie vorgeschlagen. (Fuhr 1998) Damit ist, wenn man es denn voraussetzen will, dieser Seite genüge getan. Mein Aufsatz geht den gestellten Fragen aus der Sicht von Paarbeziehungen nach. Am Beispiel des Wandels der Leidenschaften wird auf die Biographie von Liebesbeziehungen eingegangen. Die Berücksichtigung der hierbei beschriebenen Beziehungsphasen und Erfahrungsphänomene — konkrete Umstände von Paaren erscheinen vor dem Hintergrund eines Entwicklungsmusters — sorgt für eine Differenzierung der Paarberatungspraxis und beugt postmoderner Beliebigkeit in den Ansichten vor. Liebesbeziehungen unterliegen auch auf dem Hintergrund gewachsener individueller Spielräume voraussehbaren Veränderungen.

Abstract

Transformation of passion: On the development of a relationship. The gestalt approach looks at processes and relationships, does, however up to now, keep a distance to concepts deriving from developmental psycholgy and in particular to those statements which follow a linear and causal logic. Before we can claim a developmental perspective, we need to ask the question, whether firstly, models describing a progression fit the pragmatic perspective of a gestalt approach and secondly, what would be the context in which those models would be apiropriate. Or, put the other way around: to what degree would neglecting the linear progression minimize the therapeutic horizon? This article follows the questions posed in relation to couples and the transformation of passion in relationships. The aim is to provide some tools where postmodern arbitrariness would otherwise prevail.

Gestalttherapie 2005, 19/1 - 19. Jahrgang - Heft 1 / 2005
Seite 34 - 54